Friedrich Engels: Zur Wohnungsfrage

ERSTER ABSCHNITT

Wie Proudhon die Wohnungsfrage löst

In Nr. 10 und folgenden des „Volksstaat“ findet sich eine Reihe von sechs Artikeln über die

Friedrich Engels

Friedrich Engels

Wohnungsfrage, die aus dem einen Grunde Beachtung verdienen, weil sie – abgesehn von einigen längst verschollenen Belletristereien der vierziger Jahre – der erste Versuch sind, die Schule Proudhons nach Deutschland zu verpflanzen. Es liegt hierin ein so ungeheurer Rückschritt gegen den ganzen Entwicklungsgang des deutschen Sozialismus, der grade den Proudhonschen Vorstellungen schon vor 25 Jahren den entscheidenden Stoß gab (*In Marx, „Misére de la Philosophie etc.‘, Bruxelles et Paris, 1847.), daß es der Mühe wert ist, diesem Versuch sofort entgegenzutreten.

Die sogenannte Wohnungsnot, die heutzutage in der Presse eine so große Rolle spielt, besteht nicht darin, daß die Arbeiterklasse überhaupt in schlechten, überfüllten, ungesunden Wohnungen lebt. Diese Wohnungsnot ist nicht etwas der Gegenwart Eigentümliches; sie ist nicht einmal eins der Leiden, die dem modernen Proletariat, gegenüber allen frühern unterdrückten Klassen, eigentümlich sind; im Gegenteil, sie hat alle unterdrückten Klassen aller Zeiten ziemlich gleichmäßig betroffen. Um dieser Wohnungsnot ein Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel. die Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Klasse durch die herrschende Klasse überhaupt zu beseitigen. Was man heute unter Wohnungsnot versteht, ist die eigentümliche Verschärfung, die die schlechten Wohnungsverhältnisse der Arbeiter durch den plötzlichen Andrang der Bevölkerung nach den großen Städten erlitten haben; eine kolossale Steigerung der Mietspreise; eine noch verstärkte Zusammendrängung der Bewohner in den einzelnen Häusern, für einige die Unmöglichkeit, überhaupt ein Unterkommen zu finden. Und diese Wohnungsnot macht nur soviel von sich reden, weil sie sich nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt, sondern auch das Kleinbürgertum mit betroffen hat.

Die Wohnungsnot der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger unserer modernen großen Städte ist einer der zahllosen kleineren, sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen. Sie ist durchaus nicht eine direkte Folge der Ausbeutung des Arbeiters, als Arbeiter, durch den Kapitalisten. Diese Ausbeutung ist das Grundübel, das die soziale Revolution abschaffen will, indem sie die kapitalistische Produktionsweise abschafft. Der Eckstein der kapitalistischen Produktionsweise aber ist die Tatsache: daß unsere jetzige Gesellschaftsordnung den Kapitalisten in den Stand setzt, die Arbeitskraft des Arbeiters zu ihrem Wert zu kaufen, aber weit mehr als ihren Wert aus ihr herauszuschlagen, indem er den Arbeiter länger arbeiten läßt, als zur Wiedererzeugung des für die Arbeitskraft gezahlten Preises nötig ist. Der auf diese Weise erzeugte Mehrwert wird verteilt unter die Gesamtklasse der Kapitalisten und Grundeigentümer, nebst ihren bezahlten Dienern, vom Papst und Kaiser bis zum Nachtwächter und darunter. Wie diese Verteilung sich macht, geht uns hier nichts an; soviel ist sicher, daß alle, die nicht arbeiten, eben nur leben können von Abfällen dieses Mehrwerts, die ihnen auf die eine oder andere Art zufließen. (Vergleiche Marx, Das Kapital“, wo dies zuerst entwickelt.

Die Verteilung des durch die Arbeiterklasse erzeugten und ihr ohne Bezahlung abgenommenen Mehrwerts unter die nicht arbeitenden Klassen wickelt sich ab unter höchst erbaulichen Zänkereien und gegenseitiger Beschwindelung; soweit diese Verteilung auf dem Wege des Kaufs und Verkaufs vor sich geht, ist einer ihrer Haupthebel die Prellerei des Käufers durch den Verkäufer, und diese ist im Kleinhandel, namentlich in den großen Städten, jetzt eine vollständige Lebensbedingung für den Verkäufer geworden. Wenn aber der Arbeiter von seinem Krämer oder Bäcker am Preis oder an der Qualität der Ware betrogen wird, so geschieht ihm das nicht in seiner spezifischen Eigenschaft als Arbeiter. Im Gegenteil, sowie ein gewisses Durchschnittsmaß von Prellerei die gesellschaftliche Regel an irgendeinem Orte wird, muß sie auf die Dauer ihre Ausgleichung finden in einer entsprechenden Lohnerhöhung. Der Arbeiter tritt dem Krämer gegenüber als Käufer auf, d.h. als Besitzer von Geld oder Kredit, und daher keineswegs in seiner Eigenschaft als Arbeiter, d.h. als Verkäufer von Arbeitskraft. Die Prellerei mag ihn, wie überhaupt die ärmere Klasse, härter treffen als die reicheren Gesellschaftsklassen, aber sie ist nicht ein Übel, das ihn ausschließlich trifft, das seiner Klasse eigentümlich ist.

Geradeso ist es mit der Wohnungsnot. Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. Der Bonapartismus hat durch seinen Haussmann in Paris diese Tendenz aufs kolossalste zu Schwindel und Privatbereicherung ausgebeutet; aber auch durch London, Manchester, Liverpool ist der Geist Haussmanns geschritten, und in Berlin und Wien scheint er sich ebenso heimisch zu fühlen. Das Resultat ist, daß die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, daß Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind, denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.

Diese Mietsnot trifft den Arbeiter also sicher härter als jede wohlhabendere Klasse; aber sie bildet, ebensowenig wie die Prellerei des Krämers, einen ausschließlich auf die Arbeiterklasse drückenden Übelstand und muß, soweit sie die Arbeiterklasse betrifft, bei gewissem Höhegrad und gewisser Dauer, ebenfalls eine gewisse ökonomische Ausgleichung finden.

Es sind vorzugsweise diese der Arbeiterklasse mit andern Klassen, namentlich dem Kleinbürgertum, gemeinsamen Leiden, mit denen sich der kleinbürgerliche Sozialismus, zu dem auch Proudhon gehört, mit Vorliebe beschäftigt. Und so ist es durchaus nicht zufällig, daß unser deutscher Proudhonist sich vor allem der Wohnungsfrage, die, wie wir gesehn haben, keineswegs eine ausschließliche Arbeiterfrage ist, bemächtigt und daß er sie, im Gegenteil, für eine wahre, ausschließliche Arbeiterfrage erklärt.

„Was der Lohnarbeiter gegenüber dem Kapitalisten, das ist der Mieter gegenüber Hausbesitzer.“ [376]

Dies ist total falsch.

Bei der Wohnungsfrage haben wir zwei Parteien einander gegenüber, den Mieter und den Vermieter oder Hauseigentümer. Der erstere will vom letztern den zeitweiligen Gebrauch einer Wohnung kaufen; er hat Geld oder Kredit – wenn er auch diesen Kredit dem Hauseigentümer selbst wieder zu einem Wucherpreise, einem Mietzuschlag, abkaufen muß. Es ist ein einfacher Warenverkauf; es ist nicht ein Geschäft zwischen Proletarier und Bourgeois, zwischen Arbeiter und Kapitalisten; der Mieter – selbst wenn er Arbeiter ist – tritt als vermögender Mann auf, er muß seine ihm eigentümliche Ware, die Arbeitskraft, schon verkauft haben, um mit ihrem Erlös als Käufer des Nießbrauchs einer Wohnung auftreten zu können, oder er muß Garantien für den bevorstehenden Verkauf dieser Arbeitskraft geben können. Die eigentümlichen Resultate, die der Verkauf der Arbeitskraft an den Kapitalisten hat, fehlen hier gänzlich. Der Kapitalist läßt die gekaufte Arbeitskraft erstens ihren Wert wieder erzeugen, zweitens aber einen Mehrwert, der vorläufig und vorbehaltlich seiner Verteilung unter die Kapitalistenklasse, in seinen Händen bleibt. Hier wird also ein überschüssiger Wert erzeugt, die Gesamtsumme des vorhandenen Werts wird vermehrt. Ganz anders beim Mietgeschäft. Um wieviel auch der Vermieter den Mieter übervorteilen mag, es ist immer nur ein Übertragen bereits vorhandenen, vorher erzeugten Werts, und die Gesamtsumme der von Mieter und Vermieter zusammen besessenen Werte bleibt nach wie vor dieselbe. Der Arbeiter, ob seine Arbeit vom Kapitalisten unter, über oder zu ihrem Wert bezahlt wird, wird immer um einen Teil seines Arbeitsprodukts geprellt; der Mieter nur dann, wenn er die Wohnung über ihren Wert bezahlen muß. Es ist also eine totale Verdrehung des Verhältnisses zwischen Mieter und Vermieter, es mit dem zwischen Arbeiter und Kapitalisten gleichstellen zu wollen. Im Gegenteil, wir haben es mit einem ganz gewöhnlichen Warengeschäft zwischen zwei Bürgern zu tun, und dies Geschäft wickelt sich ab nach den ökonomischen Gesetzen, die den Warenverkauf überhaupt regeln, und speziell den Verkauf der Ware: Grundbesitz. Die Bau- und Unterhaltskosten des Hauses oder des betreffenden Hausteils kommen zuerst in Anrechnung; der durch die mehr oder weniger günstige Lage des Hauses bedingte Bodenwert kommt in zweiter Linie; der augenblickliche Stand des Verhältnisses zwischen Nachfrage und Angebot entscheidet schließlich. Dies einfache ökonomische Verhältnis drückt sich im Kopf unsres Proudhonisten folgendermaßen aus:

„Das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel auf einen bestimmten Bruchteil der gesellschaftlichen Arbeit, wenn auch der wirkliche Wert des Hauses längst schon mehr als genügend in der Form des Mietzinses an den Besitzer gezahlt wurde. So kommt es, daß ein Haus, welches z.B. vor 50 Jahren gebaut wurde, während dieser Zeit in dem Ertrag seines Mietzinses zwei-, drei-, fünf-, zehnmal usw. den ursprünglichen Kostenpreis deckte.“

Hier haben wir gleich den ganzen Proudhon. Erstens wird vergessen, daß die Hausmiete nicht nur die Kosten des Hausbaus zu verzinsen, sondern auch Reparaturen und den durchschnittlichen Betrag schlechter Schulden, unbezahlter Mieten, sowie des gelegentlichen Leerstehens der Wohnung zu decken, und endlich das in einem vergänglichen, mit der Zeit unbewohnbar und wertlos werdenden Hause angelegte Baukapital in jährlichen Raten abzutragen hat. Zweitens wird vergessen, daß die Wohnungsmiete ebenfalls den Wertaufschlag des Grundstücks, auf dem das Haus steht, mit zu verzinsen hat, daß also ein Teil davon in Grundrente besteht. Unser Proudhonist erklärt zwar sogleich, daß dieser Wertaufschlag, da er ohne Zutun des Grundeigentümers bewirkt, von Rechts wegen nicht ihm, sondern der Gesellschaft gehört; er übersieht aber, daß er damit in Wirklichkeit die Abschaffung des Grundeigentums verlangt, ein Punkt, auf den näher einzugehn uns hier zu weit führen würde. Endlich übersieht er, daß es sich bei dem ganzen Geschäft gar nicht darum handelt, dem Eigentümer das Haus abzukaufen, sondern nur dessen Nießbrauch für eine bestimmte Zeit. Proudhon, der sich nie um die wirklichen, tatsächlichen Bedingungen kümmerte, unter denen irgendeine ökonomische Erscheinung vor sich geht, kann sich natürlich auch nicht erklären, wie der ursprüngliche Kostpreis eines Hauses unter Umständen in der Gestalt von Miete in fünfzig Jahren zehnmal bezahlt wird. Anstatt diese gar nicht schwere Frage ökonomisch zu untersuchen und festzustellen, ob sie wirklich und wieso mit den ökonomischen Gesetzen in Widerspruch steht, hilft er sich durch einen kühnen Sprung aus der Ökonomie in die Juristerei: „das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel“ auf bestimmte jährliche Zahlung. Wie das zustande kommt, wie das Haus ein Rechtstitel wird, davon schweigt Proudhon. Und doch ist es das gerade, was er hätte aufklären müssen. Hätte er es untersucht, so würde er gefunden haben, daß alle Rechtstitel in der Welt, und wenn sie noch so ewig, einem Hause nicht die Macht verleihen, seinen Kostpreis in fünfzig Jahren zehnmal in Gestalt von Miete bezahlt zu erhalten, sondern daß bloß ökonomische Bedingungen (die in Gestalt von Rechtstiteln gesellschaftlich anerkannt sein mögen) dies zustande bringen können Und damit war er wieder so weit wie am Anfang.

Die ganze Proudhonsche Lehre beruht auf diesem Rettungssprung aus der ökonomischen Wirklichkeit in die juristische Phrase. Wo immer dem braven Proudhon der ökonomische Zusammenhang verlorengeht – und das kommt ihm bei jeder ernsthaften Frage vor -, flüchtet er sich in das Gebiet des Rechts und appelliert an die ewige Gerechtigkeit.

„Proudhon schöpft erst sein Ideal der ewigen Gerechtigkeit aus den der Warenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wodurch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spießbürger so tröstliche Beweis geliefert wird, daß die Form der Warenproduktion ebenso notwendig ist wie die Gerechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Warenproduktion und das ihr entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäß ummodeln. Was würde man von einem Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwechsels zu studieren und auf Grundlage derselben bestimmte Aufgaben zu lösen. den Stoffwechsel durch die ‚ewigen Ideen‘ der ‚Natürlichkeit und der Verwandtschaft‘ ummodeln wollte? Weiß man etwa mehr über den Wucher, wenn man sagt, er widerspreche der ‚ewigen Gerechtigkeit‘ und der ‚ewigen Billigkeit‘ und der ‚ewigen Gegenseitigkeit‘ und andern ‚ewigen Wahrheiten‘, als die Kirchenväter wußten, wenn sie sagten, er widerspräche der ‚ewigen Gnade‘, dem ‚ewigen Glauben‘ und dem ‚ewigen Willen Gottes‘?“ (Marx, „Kapital“, p. 45.)

Unserm Proudhonisten geht es nicht besser als seinem Herrn und Meister:

„Der Mietsvertrag ist eine der tausend Umsetzungen, welche im Leben der modernen Gesellschaft so notwendig sind wie die Zirkulation des Bluts im Körper der Tiere. Es wäre natürlich im Interesse dieser Gesellschaft, wenn alle diese Umsetzungen von einer Rechtsidee durchdrungen wären, d.h. allenthalben nach den strengen Anforderungen der Gerechtigkeit durchgeführt würden. Mit einem Wort, das ökonomische Leben der Gesellschaft muß sich, wie Proudhon sagt, zur Höhe eines ökonomischen Rechtes emporschwingen. In Wahrheit findet bekanntlich das gerade Gegenteil statt.“

Sollte man glauben, daß fünf Jahre, nachdem Marx den Proudhonismus, gerade nach dieser entscheidenden Seite hin, so kurz und schlagend gezeichnet, es möglich wäre, noch dergleichen konfuses Zeug in deutscher Sprache drucken zu lassen? Was heißt denn dieser Galimathias? Nichts, als daß die praktischen Wirkungen der ökonomischen Gesetze, die die heutige Gesellschaft regeln, dem Rechtsgefühl des Verfassers ins Gesicht schlagen und daß er den frommen Wunsch hegt, die Sache möge sich so einrichten lassen, daß dem abgeholfen werde. – Ja, wenn die Kröten Schwänze hätten, wären sie eben keine Kröten mehr! Und ist denn die kapitalistische Produktionsweise nicht „von einer Rechtsidee durchdrungen“, nämlich von der ihres eigenen Rechts auf Ausbeutung der Arbeiter? Und wenn uns der Verfasser sagt, daß das nicht seine Rechtsidee ist, sind wir einen Schritt weiter?

Aber zurück zur Wohnungsfrage. Unser Proudhonist läßt seiner „Rechtsidee“ jetzt freien Lauf und gibt folgende rührende Deklamation zum besten:

„Wir nehmen keinen Anstand, zu behaupten, daß es keinen furchtbareren Hohn auf die ganze Kultur unseres gerühmten Jahrhunderts gibt, als die Tatsache, daß in den großen Städten 90 Prozent der Bevölkerung und darüber keine Stätte haben, die sie ihr eigen nennen können. Der eigentliche Knotenpunkt der sittlichen und Familienexistenz, Haus und Herd, wird vom sozialen Wirbel mit fortgerissen … Wir stehen in dieser Beziehung weit unter den Wilden. Der Troglodyte hat seine Höhle, der Australier hat seine Lehmhütte, der Indianer seinen eigenen Herd – der moderne Proletarier hängt faktisch in der Luft“ usw.

In dieser Jeremiade haben wir den Proudhonismus in seiner ganzen reaktionären Gestalt. Um die moderne revolutionäre Klasse des Proletariats zu schaffen, war es absolut notwendig, daß die Nabelschnur durchgeschnitten wurde, die den Arbeiter der Vergangenheit noch an den Grund und Boden knüpfte. Der Handweber, der sein Häuschen, Gärtchen und Feldchen neben seinem Webstuhl hatte, war bei aller Misere und bei allem politischen Druck ein stiller, zufriedener Mann „in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit“, zog den Hut vor den Reichen, Pfaffen und Staatsbeamten und war innerlich durch und durch ein Sklave. Gerade die moderne große Industrie, die aus dem an den Boden gefesselten Arbeiter einen vollständig besitzlosen, aller überkommenen Ketten los und ledigen vogelfreien Proletarier gemacht, gerade diese ökonomische Revolution ist es, die die Bedingungen geschaffen hat, unter denen allein die Ausbeutung der arbeitenden Klasse in ihrer letzten Form, in der kapitalistischen Produktion, umgestürzt werden kann. Und jetzt kommt dieser tränenreiche Proudhonist und jammert, wie über einen großen Rückschritt, über die Austreibung der Arbeiter von Haus und Herd, die gerade die allererste Bedingung ihrer geistigen Emanzipation war.

Vor 27 Jahren habe ich („Lage der arbeitenden Klasse in England“) grade diesen Prozeß der Vertreibung der Arbeiter von Haus und Herd, wie er sich im 18. Jahrhundert in England vollzog, in seinen Hauptzügen geschildert. Die Infamien, die die Grundbesitzer und Fabrikanten sich dabei zuschulden kommen ließen, die materiell und moralisch nachteiligen Wirkungen, die diese Vertreibung zunächst auf die betroffenen Arbeiter haben mußte, sind dort ebenfalls nach Würden dargestellt. Aber konnte es mir in den Sinn kommen, in diesem, unter den Umständen durchaus notwendigen geschichtlichen Entwicklungsprozeß einen Rückschritt „hinter die Wilden“ zu sehn? Unmöglich. Der englische Proletarier von 1872 steht unendlich höher als der ländliche Weber mit „Haus und Herd“ von 1772. Und wird der Troglodyte mit seiner Höhle, der Australier mit seiner Lehmhütte, der Indianer mit seinem eignen Herd jemals einen Juniaufstand  und eine Pariser Kommune aufführen?

Daß die Lage der Arbeiter seit Durchführung der kapitalistischen Produktion auf großem Maßstab im ganzen materiell schlechter geworden ist, das bezweifelt nur der Bourgeois. Aber sollen wir deshalb sehnsüchtig zurückschauen nach den (auch sehr magern) Fleischtöpfen Ägyptens [140], nach der ländlichen kleinen Industrie, die nur Knechtsseelen erzog, oder nach den „Wilden“? Im Gegenteil. Erst das durch die moderne große Industrie geschaffene, von allen ererbten Ketten, auch von denen, die es an den Boden fesselten, befreite und in den großen Städten zusammengetriebene Proletariat ist imstande, die große soziale Umgestaltung zu vollziehn, die aller Klassenausbeutung und aller Klassenherrschaft ein Ende machen wird. Die alten ländlichen Handweber mit Haus und Herd wären nie imstande dazu gewesen, sie hätten nie solch einen Gedanken fassen, noch weniger seine Ausführung wollen können.

Für Proudhon hingegen ist die ganze industrielle Revolution der letzten hundert Jahre, die Dampfkraft, die große Fabrikation, die die Handarbeit durch Maschinen ersetzt und die Produktionskraft der Arbeit vertausendfacht, ein höchst widerwärtiges Ereignis, etwas, das eigentlich nicht hätte stattfinden sollen. Der Kleinbürger Proudhon verlangt eine Welt, in der jeder ein apartes, selbständiges Produkt verfertigt, das sofort verbrauchbar und auf dem Markt austauschbar ist; wenn dann nur jeder den vollen Wert seiner Arbeit in einem andern Produkt wiedererhält, so ist der „ewigen Gerechtigkeit“ Genüge geleistet und die beste Welt hergestellt. Aber diese Proudhonsche beste Welt ist schon in der Knospe zertreten worden durch den Fuß der fortschreitenden industriellen Entwicklung, die die Einzelarbeit in allen großen Industriezweigen längst vernichtet hat und sie in den kleineren und kleinsten Zweigen täglich mehr vernichtet; die an ihre Stelle die gesellschaftliche Arbeit setzt, unterstützt von Maschinen und dienstbar gemachten Naturkräften, deren fertiges, sofort austauschbares oder verbrauchbares Produkt das gemeinsame Werk vieler einzelnen ist, durch deren Hände es hat gehn müssen. Und grade durch diese industrielle Revolution hat die Produktionskraft der menschlichen Arbeit einen solchen Höhegrad erreicht, daß die Möglichkeit gegeben ist – zum erstenmal, solange Menschen existieren -, bei verständiger Verteilung der Arbeit unter alle, nicht nur genug für die reichliche Konsumtion aller Gesellschaftsglieder und für einen ausgiebigen Reservefonds hervorzubringen, sondern auch jedem einzelnen hinreichend Muße zu lassen, damit dasjenige, was aus der geschichtlich überkommenen Bildung – Wissenschaft, Kunst, Umgangsformen usw. – wirklich wert ist, erhalten zu werden, nicht nur erhalten, sondern aus einem Monopol der herrschenden Klasse in ein Gemeingut der ganzen Gesellschaft verwandelt und weiter fortgebildet werde. Und hier liegt der entscheidende Punkt. Sobald die Produktionskraft der menschlichen Arbeit sich bis auf diesen Höhegrad entwickelt hat, verschwindet jeder Vorwand für den Bestand einer herrschenden Klasse. War doch der letzte Grund, womit der Klassenunterschied verteidigt wurde, stets: Es muß eine Klasse geben, die sich nicht mit der Produktion ihres täglichen Lebensunterhalts abzuplacken hat, damit sie Zeit behält, die geistige Arbeit der Gesellschaft zu besorgen. Diesem Gerede, das bisher seine große geschichtliche Berechtigung hatte, ist durch die industrielle Revolution der letzten hundert Jahre ein für allemal die Wurzel abgeschnitten. Das Bestehn einer herrschenden Klasse wird täglich mehr ein Hindernis für die Entwicklung der industriellen Produktivkraft und ebensosehr für die der Wissenschaft, der Kunst und namentlich der gebildeten Umgangsformen. Größere Knoten als unsere modernen Bourgeois hat es nie gegeben.

Alles dies geht Freund Proudhon nichts an. Er will die „ewige Gerechtigkeit“ und weiter nichts. jeder soll im Austausch für sein Produkt den vollen Arbeitsertrag, den vollen Wert seiner Arbeit erhalten. Das aber in einem Produkt der modernen Industrie auszurechnen, ist eine verwickelte Sache. Die moderne Industrie verdunkelt eben den besonderen Anteil des einzelnen am Gesamtprodukt, der in der alten Einzel-Handarbeit sich im erzeugten Produkt von selbst darstellte. Die moderne Industrie ferner beseitigt mehr und mehr den Einzelaustausch, auf dem Proudhons ganzes System aufgebaut ist, den direkten Austausch nämlich zwischen zwei Produzenten, deren jeder das Produkt des andern eintauscht, um es zu konsumieren. Daher geht durch den ganzen Proudhonismus ein reaktionärer Zug, ein Widerwille gegen die industrielle Revolution, und das bald offener, bald versteckter sich aussprechende Gelüst, die ganze moderne Industrie, Dampfmaschinen, Spinnmaschinen und andern Schwindel zum Tempel hinauszuwerfen und zurückzukehren zur alten, soliden Handarbeit. Daß wir dann an Produktionskraft neunhundertneunundneunzig Tausendstel verlieren, daß die gesamte Menschheit zur ärgsten Arbeitssklaverei verdammt, daß die Hungerleiderei allgemeine Regel wird – was liegt daran, wenn wir es nur fertigbringen, den Austausch so einzurichten, daß jeder den „vollen Arbeitsertrag“ erhält und daß die „ewige Gerechtigkeit“ durchgeführt wird? Fiat justitia, pereat mundus!

Gerechtigkeit muß bestehn – Und sollt‘ die ganze Welt zugrunde gehn!

Und zugrunde gehn würde die Welt bei dieser Proudhonschen Kontrerevolution, wenn sie überhaupt durchführbar wäre.

Es versteht sich übrigens von selbst, daß auch bei der, durch die mƒoderne große Industrie bedingten, gesellschaftlichen Produktion, jedem der „volle Ertrag seiner Arbeit“, soweit diese Phrase einen Sinn hat, gesichert werden kann. Und einen Sinn hat sie nur, wenn sie dahin erweitert wird, daß nicht jeder einzelne Arbeiter Besitzer dieses „vollen Ertrages seiner Arbeit“ wird, wohl aber die ganze, aus lauter Arbeitern bestehende Gesellschaft Besitzerin des gesamten Produkts ihrer Arbeit, das sie teilweise zur Konsumtion unter ihre Mitglieder verteilt, teilweise zum Ersatz und zur Vermehrung ihrer Produktionsmittel verwendet und teilweise als Reservefonds der Produktion und Konsumtion aufspeichert.[21] Nach dem Vorhergehenden können wir schon im voraus wissen, wie unser Proudhonist die große Wohnungsfrage lösen wird. Einesteils haben wir die Forderung, daß jeder Arbeiter seine eigene, ihm gehörende Wohnung haben muß, damit wir nicht länger unter den Wilden stehn. Andrerseits haben wir die Versicherung, daß die zwei-, drei-, fünf- oder zehnmalige Bezahlung des ursprünglichen Kostenpreises eines Hauses in der Gestalt von Mietzins, wie sie in der Tat stattfindet, auf einem Rechtstitel beruht und daß dieser Rechtsitel im Widerspruch mit der „ewigen Gerechtigkeit“ sich befindet. Die Lösung ist einfach: Wir schaffen den Rechtstitel ab und erklären kraft der ewigen Gerechtigkeit den gezahlten Mietzins für eine Abschlagszahlung auf den Preis der Wohnung selbst. Wenn man sich seine Voraussetzungen so eingerichtet hat, daß sie die Schlußfolgerung bereits in sich enthalten, so gehört natürlich nicht mehr Geschicklichkeit dazu, als jeder Scharlatan besitzt, um das im voraus präparierte Resultat fertig aus dem Sack zu ziehn und auf die unerschütterliche Logik zu pochen, deren Erzeugnis es ist.

Und so geschieht es hier. Die Abschaffung der Mietwohnung wird als Notwendigkeit proklamiert, und zwar in der Gestalt, daß die Verwandlung jedes Mieters in den Eigentümer seiner Wohnung geordert wird. Wie machen wir das? Ganz einfach:

„Die Mietwohnung wird abgelöst … Dem bisherigen Hausbesitzer wird der Wert seines Hauses bis auf den Heller und Pfennig bezahlt. Statt daß, wie bisher, der bezahlte Mietzins den Tribut darstellt, welchen der Mieter dem ewigen Rechte des Kapitals bezahlt, statt dessen wird von dem Tage an, wo die Ablösung der Mietwohnung proklamiert ist, die vorn Mieter bezahlte, genau geregelte Summe die jährliche Abschlagszahlung für die in seinen Besitz übergegangene Wohnung … Die Gesellschaft … wandelt sich auf diesem Wege in eine Gesamtheit unabhängiger freier Besitzer von Wohnungen um.“

Der Proudhonist findet ein Verbrechen gegen die ewige Gerechtigkeit darin, daß der Hauseigentümer ohne Arbeit Grundrente und Zins aus seinem im Hause angelegten Kapital herausschlagen kann. Er dekretiert, daß dies aufhören muß; daß das in Häusern angelegte Kapital keinen Zins, und so weit es gekauften Grundbesitz vertritt, auch keine Grundrente mehr einbringen soll. Nun haben wir gesehen, daß damit die kapitalistische Produktionsweise, die Grundlage der jetzigen Gesellschaft, gar nicht berührt wird. Der Angelpunkt, um den sich die Ausbeutung des Arbeiters dreht, ist der Verkauf der Arbeitskraft an den Kapitalisten und der Gebrauch, den der Kapitalist von diesem Geschäfte macht, indem er den Arbeiter weit mehr zu produzieren nötigt, als der bezahlte Wert der Arbeitskraft beträgt. Dies Geschäft zwischen Kapitalist und Arbeiter ist es, das all den Mehrwert erzeugt, der nachher in Gestalt von Grundrente, Handelsprofit, Kapitalzins, Steuern usw. auf die verschiedenen Unterarten von Kapitalisten und ihren Dienern sich verteilt. Und jetzt kommt unser Proudhonist und glaubt, wenn man einer einzigen Unterart von Kapitalisten, und zwar von solchen Kapitalisten, die direkt gar keine Arbeitskraft kaufen, also auch keinen Mehrwert produzieren lassen, verböte, Profit resp. Zins zu machen, so sei man einen Schritt weiter! Die Masse der der Arbeiterklasse abgenommenen unbezahlten Arbeit bliebe genau dieselbe, auch wenn den Hausbesitzern die Möglichkeit, Grundrente und Zins sich zahlen zu lassen, morgen genommen würde, was unsern Proudhonisten nicht verhindert, zu erklären:

„Die Abschaffung der Mietwohnung ist somit eine der fruchtbarsten und großartigsten Bestrebungen, welche dem Schoße der revolutionären Idee entstammt und eine Forderung ersten Ranges von seiten der sozialen Demokratie werden muß.“

Ganz die Marktschreierei des Meisters Proudhon selbst, bei dem das Gegacker auch stets im umgekehrten Verhältnisse zu der Größe der gelegten Eier steht.

Nun denkt euch aber den schönen Zustand, wenn jeder Arbeiter, Kleinbürger und Bourgeois genötigt wird, durch jährliche Abzahlungen erst Teil-, dann ganzer Eigentümer seiner Wohnung zu werden! In den Industriebezirken Englands, wo es große Industrie, aber kleine Arbeiterhäuser gibt und jeder verheiratete Arbeiter ein Häuschen für sich bewohnt, hätte die Sache noch einen möglichen Sinn.

Aber die kleine Industrie von Paris sowie der meisten großen Städte des Kontinents wird ergänzt durch große Häuser, in denen zehn, zwanzig, dreißig Familien zusammenwohnen. Am Tage des weltbefreienden Dekrets, das die Ablösung der Mietwohnung proklamiert, arbeitet Peter in einer Maschinenfabrik in Berlin. Nach Ablauf eines Jahres ist er Eigentümer, meinetwegen des fünfzehnten Teiles seiner aus einer Kammer des fünften Stockes irgendwo am Hamburger Tor bestehenden Wohnung. Er verliert seine Arbeit und findet sich bald darauf in einer ähnlichen Wohnung, mit brillanter Aussicht auf den Hof, im dritten Stock am Pothof in Hannover, wo er nach fünfmonatigem Aufenthalte eben 1/36 des Eigentums erworben hat, als ein Strike ihn nach München verschlägt und ihn zwingt, sich durch elfmonatigen Aufenthalt genau 11/180 des Eigentumsrechts auf ein ziemlich dunkles Anwesen zu ebner Erde, hinter der Ober-Angergasse, aufzuladen. Fernere Umzüge, wie sie Arbeitern heute so oft vorkommen, hängen ihm ferner an: 7/360 einer nicht minder empfehlenswerten Wohnung in St. Gallen, 21/180 einer anderen in Leeds und 347/56223, genau gerechnet, so daß die „ewige Gerechtikeit“ sich nicht beklagen kann, einer dritten in Seraing. Was hat nun unser Peter von allen diesen Wohnungsanteilen? Wer gibt ihm den richtigen Wert dafür? Wo soll er den oder die Eigentürner der übrigen Anteile an seinen verschiedenen ehemaligen Wohnungen auftreiben? Und wie steht es erst um die Eigentumsverhältnisse eines beliebigen großen Hauses, dessen Stockwerke sage zwanzig Wohnungen enthalten und das, wenn die Ablösungsfrist abgelaufen und die Mietswohnung abgeschafft ist, vielleicht dreihundert Teileigentümern gehört, die in allen Weltgegenden zerstreut sind? Unser Proudhonist wird antworten, daß bis dahin die Proudhonsche Tauschbank  bestehen wird, welche jederzeit an jedermann für jedes Arbeitsprodukt den vollen Arbeitsertrag, also auch für einen Wohnungsanteil den vollen Wert auszahlen wird. Aber die Proudhonsche Tauschbank geht uns hier erstens gar nichts an, da sie selbst in den Artikeln über die Wohnungsfrage nirgends erwähnt wird; sie beruht zweitens auf dem sonderbaren Irrtum, daß, wenn jemand eine Ware verkaufen will, er auch immer notwendig einen Käufer für ihren vollen Wert findet, und sie hat drittens, ehe Proudhon sie erfand, bereits in England unter dem Namen Labour Exchange Bazaar  mehr als einmal falliert.

Die ganze Vorstellung, daß der Arbeiter sich seine Wohnung kaufen soll, beruht wieder auf der schon hervorgehobenen Proudhonscheu reaktionären Grundanschauung, daß die durch die moderne große Industrie geschaffenen Zustände krankhafte Auswüchse sind und die Gesellschaft gewaltsam – d.h. gegen die Strömung, der sie seit hundert Jahren folgt – einem Zustande entgegengeführt werden muß, in dem die alte stabile Handarbeit des einzelnen die Regel und der überhaupt nichts anderes ist als eine idealisierte Wiederherstellung des untergegangenen und noch untergehenden Kleingewerbsbetriebs. Sind die Arbeiter erst wieder in diese stabilen Zustände zurückgeworfen, ist der „soziale Wirbel“ erst glücklich beseitigt, so kann der Arbeiter natürlich auch wieder Eigentum an „Haus und Herd“ gebrauchen und die obige Ablösungstheorie erscheint weniger abgeschmackt. Nur vergißt Proudhon, daß, um dies fertigzubringen, er erst die Uhr der Weltgeschichte um hundert Jahre zurückstellen muß und daß er damit die heutigen Arbeiter wieder zu ebensolchen beschränkten, kriechenden, duckmäuserigen Sklavenseelen machen würde, wie ihre Ururgroßväter waren.

Soweit aber in dieser Proudhonschen Lösung der Wohnungsfrage ein rationeller, praktisch verwertbarer Inhalt liegt, soweit wird sie heutzutage bereits durchgeführt, und zwar entstammt diese Durchführung nicht dem „Schoße der revolutionären Idee“, sondern – den großen Bourgeois selbst. Hören wir hierüber ein vortreffliches spanisches Blatt, „La Emancipación“ von Madrid, vom 16. März 1872:

„Es gibt noch ein anderes Mittel, die Wohnungsfrage zu lösen, das von Proudhon vorgeschlagen worden und das beim ersten Anblick blendet, aber bei näherer Prüfung seine totale Ohnmacht enthüllt. Proudhon schlug vor, die Mieter in Käufer auf Abschlagszahlung zu verwandeln, so daß der jährlich bezahlte Mietzins als Ablösungsrate auf den Wert der Wohnung angerechnet und der Mieter nach Ablauf einer gewissen Zeit Eigentümer dieser Wohnung würde. Dieses Mittel, das Proudhon für sehr revolutionär hielt, wird heutzutage in allen Ländern durch Gesellschaften von Spekulanten ins Werk gesetzt, welche sich so durch Erhöhung des Mietpreises den Wert der Häuser zwei- bis dreimal bezahlen lassen. Herr Dollfus und andere große Fabrikanten des nordöstlichen Frankreichs haben dies System verwirklicht, nicht nur um Geld herauszuschlagen, sondern obendrein mit einem politischen Hintergedanken.

Die gescheitesten Führer der herrschenden Klassen haben stets ihre Anstrengungen darauf gerichtet, die Zahl der kleinen Eigentümer zu vermehren, um sich eine Armee gegen das Proletariat zu erziehn. Die bürgerlichen Revolutionen des vorigen Jahrhunderts zerteilten den großen Grundbesitz des Adels und der Kirche in kleines Parzelleneigentum, wie heute die spanischen Republikaner es mit dem noch bestehenden großen Grundbesitz machen wollen, und schufen so eine Klasse kleiner Grundeigentümer, die seitdem das allerreaktionärste Element der Gesellschaft und das stetige Hindernis gegenüber der revolutionären Bewegung des städtischen Proletariats geworden ist. Napoleon III. beabsichtigte, durch Verkleinerung der einzelnen Staatsschuldanteile, in den Städten eine ähnliche Klasse zu schaffen, und Herr Dollfus und seine Kollegen, indem sie ihren Arbeitern kleine, durch jährliche Abzahlungen abzutragende Wohnungen verkauften, suchten allen revolutionären Geist in den Arbeitern zu ersticken und gleichzeitig sie durch ihren Grundbesitz an die Fabrik, in der sie einmal arbeiteten, zu fesseln; so daß der Plan Proudhons nicht nur der Arbeiterklasse keine Erleichterung schuf – er kehrte sich sogar direkt gegen sie.“(*Wie sich diese Lösung der Wohnungsfrage vermittelst der Fesselung der Arbeiter an ein eigenes „Heim“ in der Nähe großer oder emporkommender amerikanischer Städte naturwüchsig macht, darüber folgende Stelle aus einem Brief von Eleanor Marx-Aveling, Indianapolis, 28. November 1886: „In oder vielmehr bei Kansas City sahen wir erbärmliche kleine Holzschuppen, zu etwa drei Zimmern, noch ganz in der Wildnis; der Boden kostete 600 Dollars und war eben groß genug, das kleine Häuschen darauf zu setzen; dieses selbst kostete weitere 600 Dollars, also zusammen 4800 Mark für ein elendes kleines Ding, eine Stunde Wegs von der Stadt, in einer schlammigen Einöde.“ Somit haben die Arbeiter schwere Hypothekschulden aufzunehmen, um nur diese Wohnungen zu erhalten, und sind nun erst recht die Sklaven ihrer Brotherren; sie sind an ihre Häuser gebunden, sie können nicht weg und müssen alle ihnen gebotenen Arbeitsbedingungen sich gefallen lassen. [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1887.])

Wie ist nun die Wohnungsfrage zu lösen? In der heutigen Gesellschaft gerade wie eine jede andere gesellschaftliche Frage gelöst wird: durch die allmähliche ökonomische Ausgleichung von Nachfrage und Angebot, eine Lösung, die die Frage selbst immer wieder von neuem erzeugt, also keine Lösung ist. Wie eine soziale Revolution diese Frage lösen würde, hängt nicht nur von den jedesmaligen Umständen ab, sondern auch zusammen mit viel weitergehenden Fragen, unter denen die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land eine der wesentlichsten ist. Da wir keine utopistischen Systeme für die Einrichtung der künftigen Gesellschaft zu machen haben, wäre es mehr als müßig, hierauf einzugehn. Soviel aber ist sicher, daß schon jetzt in den großen Städten hinreichend Wohngebäude vorhanden sind, um bei rationeller Benutzung derselben jeder wirklichen „Wohnungsnot“ sofort abzuhelfen. Dies kann natürlich nur durch Expropriation der heutigen Besitzer, resp. durch Bequartierung ihrer Häuser mit obdachlosen oder in ihren bisherigen Wohnungen übermäßig zusammengedrängten Arbeitern geschehen, und sobald das Proletariat die politische Macht erobert hat, wird eine solche, durch das öffentliche Wohl gebotene Maßregel ebenso leicht ausführbar sein wie andere Expropriationen und Einquartierungen durch den heutigen Staat.

Unser Proudhonist ist aber mit seinen bisherigen Leistungen in der Wohnungsfrage nicht zufrieden. Er muß sie von der platten Erde in das Gebiet des höheren Sozialismus erheben, damit sie doch auch hier als ein wesentlicher „Bruchteil der sozialen Frage“ sich bewähre.

„Wir nehmen nun an, die Produktivität des Kapitals werde wirklich bei den Hörnern gefaßt, wie das früher oder später geschehn muß, z.B. durch ein Übergangsgesetz, welches den Zins aller Kapitalisten auf ein Prozent festsetzt, wohlgemerkt, mit der Tendenz, auch diesen Prozentsatz immer mehr dem Nullpunkt zu nähern, so daß schließlich nichts mehr bezahlt wird, als die zur Umsetzung des Kapitals nötige Arbeit. Wie alle anderen Produkte ist natürlich auch Haus und Wohnung in den Rahmen dieses Gesetzes gefaßt … Der Besitzer selbst wird der erste sein, der seine Hand zum Verkauf bietet, da sein Haus sonst unbenutzt und das in ihm angelegte Kapital einfach nutzlos sein würde.“

Dieser Satz enthält einen der Hauptglaubensartikel des Proudhonschen Katechismus und gibt ein schlagendes Exempel von der darin herrschenden Konfusion.

Die „Produktivität des Kapitals“ ist ein Unding, das Proudhon von den bürgerlichen Ökonomen unbesehn übernimmt. Die bürgerlichen Ökonomen fangen zwar auch mit dem Satz an, daß die Arbeit die Quelle alles Reichtums und das Maß des Wertes aller Waren ist; aber sie müssen auch erklären, wie es kommt, daß der Kapitalist, der Kapital zu einem industriellen oder Handwerksgeschäft vorschießt, nicht nur sein vorgeschossenes Kapital am Ende des Geschäftes zurückerhält, sondern auch noch einen Profit obendrein. Sie müssen sich daher in allerlei Widersprüche verwickeln und auch dem Kapital eine gewisse Produktivität zuschreiben. Nichts beweist besser, wie tief Proudhon noch in der bürgerlichen Denkweise befangen ist, als daß er sich diese Redeweise von der Produktivität des Kapitals angeeignet. Wir haben gleich am Anfang gesehn, daß die sogenannte „Produktivität des Kapitals“ nichts andres ist, als die ihm (unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen, ohne die es eben kein Kapital wäre) anhaltende Eigenschaft, sich die unbezahlte Arbeit von Lohnarbeitern aneignen zu können.

Aber Proudhon unterscheidet sich von den bürgerlichen Ökonomen dadurch, daß er diese „Produktivität des Kapitals“ nicht billigt, sondern im Gegenteil in ihr eine Verletzung der „ewigen Gerechtigkeit“ entdeckt. Sie ist es, die es verhindert, daß der Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit erhält. Sie muß also abgeschafft werden. Und wie? Indem der Zinsfuß durch Zwangsgesetze herabgesetzt und endlich auf Null reduziert wird. Dann hört nach unserm Proudhonisten das Kapital auf, produktiv zu sein.

Der Zins des ausgeliehenen Geldkapitals ist nur ein Teil des Profits; der Profit, sei es des industriellen, sei es des Handelskapitals, ist nur ein Teil des, in Gestalt von unbezahlter Arbeit, der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse abgenommenen Mehrwerts. Die ökonomischen Gesetze, die den Zinsfuß regeln, sind von denen, die die Rate des Mehrwerts regeln, so unabhängig, wie dies überhaupt zwischen Gesetzen einer und derselben Gesellschaftsform stattfinden kann. Was aber die Verteilung dieses Mehrwerts unter die einzelnen Kapitalisten angeht, so ist klar, daß für Industrielle und Kaufleute, die viel von andren Kapitalisten vorgeschossenes Kapital in ihrem Geschäft haben, die Rate ihres Profits in demselben Maß steigen muß, wie – wenn alle andern Umstände sich gleichbleiben – der Zinsfuß fällt. Die Herabdrückung und schließliche Abschaffung des Zinsfußes würde also keineswegs die sogenannte „Produktivität des Kapitals“ wirklich „bei den Hörnern fassen“, sondern nur die Verteilung des der Arbeiterklasse abgenommenen unbezahlten Mehrwerts unter die einzelnen Kapitalisten anders regeln und nicht dem Arbeiter gegenüber dem industriellen Kapitalisten, sondern dem industriellen Kapitalisten gegenüber dem Rentier einen Vorteil sichern.

Proudhon, von seinem juristischen Standpunkt aus, erklärt den Zinsfuß, wie alle ökonomischen Tatsachen, nicht durch die Bedingungen der gesellschaftlichen Produktion, sondern durch die Staatsgesetze, in denen diese Bedingungen einen allgemeinen Ausdruck erhalten. Von diesem Standpunkt aus, dem jede Ahnung des Zusammenhangs der Staatsgesetze mit den Produktionsbedingungen der Gesellschaft abgeht, erscheinen diese Staatsgesetze notwendigerweise als rein willkürliche Befehle, die jeden Augenblick ebensogut durch ihr direktes Gegenteil ersetzt werden können. Es ist also nichts leichter für Proudhon, als ein Dekret zu erlassen – sobald er die Macht dazu hat -, wodurch der Zinsfuß auf ein Prozent herabgesetzt wird. Und wenn alle andren gesellschaftlichen Umstände bleiben, wie sie waren, so wird dies Proudhonsche Dekret eben nur auf dem Papier existieren. Der Zinsfuß wird sich nach wie vor nach den ökonomischen Gesetzen regeln, denen er heute unterworfen ist, trotz aller Dekrete; kreditfähige Leute werden nach Umständen Geld zu 2, 3, 4 und mehr Prozent aufnehmen, ebensogut wie vorher, und der einzige Unterschied wird der sein, daß die Rentiers sich genau vorsehn und nur solchen Leuten Geld vorschießen, bei denen kein Prozeß zu erwarten ist. Dabei ist dieser große Plan, dem Kapital seine „Produktivität“ zu nehmen, uralt, so alt wie die – Wuchergesetze, die nichts andres bezwecken, als den Zinsfuß zu beschränken, und die jetzt überall abgeschafft sind, weil sie in der Praxis stets gebrochen oder umgangen wurden und der Staat seine Ohnmacht gegenüber den Gesetzen der gesellschaftlichen Produktion bekennen mußte. Und die Wiedereinführung dieser mittelalterlichen, unausführbaren Gesetze soll „die Produktivität des Kapitals bei den Hörnern fassen“? Man sieht, je näher man den Proudhonismus untersticht, desto reaktionärer erscheint er.

Und wenn dann der Zinsfuß auf diese Weise auf Null heruntergebracht, der Kapitalzins also abgeschafft ist, dann wird „nichts mehr bezahlt als die zur Umsetzung des Kapitals nötige Arbeit“. Das soll heißen, die Abschaffung des Zinsfußes ist gleich der Abschaffung des Profits und sogar des Mehrwerts. Wäre es aber möglich, den Zins durch Dekret wirklich abzuschaffen, was wäre die Folge? Daß die Klasse der Rentiers keine Veranlassung mehr hätte, ihr Kapital in Gestalt von Vorschüssen auszuleihen, sondern es selbst oder in Aktiengesellschaften für eigene Rechnung industriell anzulegen. Die Masse des der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse abgenommenen Mehrwerts bliebe dieselbe, nur ihre Verteilung änderte sich, und auch das nicht bedeutend.

In der Tat übersieht unser Proudhonist. daß auch schon jetzt, im Warenkauf der bürgerlichen Gesellschaft, durchschnittlich eben nichts mehr bezahlt wird, als „die zur Umsetzung des Kapitals“ (soll heißen, zur Produktion der bestimmten Ware) „nötige Arbeit“. Die Arbeit ist der Maßstab des Werts aller Waren, und es ist in der heutigen Gesellschaft – von den Schwankungen des Marktes abgesehen – rein unmöglich, daß im Gesamtdurchschnitt für die Waren mehr bezahlt wird als die zu ihrer Herstellung nötige Arbeit. Nein, nein, lieber Proudhonist, der Haken liegt wo ganz anders: Er liegt darin, daß „die zur Umsetzung des Kapitals“ (um Ihre konfuse Ausdrucksweise zu gebrauchen) „nötige Arbeit“ eben nicht voll bezahlt wird! Wie das zugeht, können Sie bei Marx („Kapital“, S. 128-160) nachlesen.

Damit nicht genug. Wenn der Kapitalzins abgeschafft wird, ist damit auch der Mietzins abgeschafft. Denn „wie alle anderen Produkte ist natürlich auch Haus und Wohnung in den Rahmen dieses Gesetzes gefaßt“. Dies ist ganz im Geist des alten Majors, der seinen Einjährigen rufen ließ: „Sagen Sie mal, ich höre, Sie sind Doktor – da kommen Sie doch von Zeit zu Zeit zu mir; wenn man eine Frau und sieben Kinder hat, da gibt’s immer was zu flicken.“

Einjähriger: „Aber verzeihen Sie, Herr Major, ich bin Doktor der Philosophie.“

Major: „Das ist mich ganz egal, Pflasterkasten ist Pflasterkasten.“ So geht es unserm Proudhonisten auch: Mietzins oder Kapitalzins, das ist ihm ganz egal, Zins ist Zins, Pflasterkasten ist Pflasterkasten. Wir haben oben gesehen, daß der Mietpreis, vulgo Mietzins, sich zusammensetzt: 1. aus einem Anteil Grundrente; 2. aus einem Anteil Zins auf das Baukapital einschließlich des Profits für den Bauunternehmer; 3. aus einem Anteil für Reparatur- und Assekuranzkosten; 4. aus einem Anteil, der das Baukapital inkl. Profit in jährlichen Ratenzahlungen abträgt (amortisiert), im Verhältnis, wie das Haus allmählich verschleißt.

Und nun muß es auch dem Blindesten klargeworden sein:

„Der Besitzer selbst wird der erste sein, der seine Hand zum Verkaufe bietet, da sein Haus sonst unbenutzt und das in ihm angelegte Kapital einfach nutzlos sein würde.“

Natürlich. Wenn man den Zins auf Vorschußkapital abschafft, so kann kein Hausbesitzer mehr einen Pfennig Miete für sein Haus erhalten, bloß weil man für Miete auch Mietzins sagen kann und weil der Mietzins einen Anteil einschließt, der wirklicher Kapitalzins ist. Pflasterkasten bleibt Pflasterkasten.Wenn die Wuchergesetze in Beziehung auf den gewöhnlichen Kapitalzins doch nur durch Umgehung unwirksam gemacht werden konnten, so haben sie den Satz der Hausmiete nie auch nur im entferntesten berührt. Erst Proudhon blieb es vorbehalten, sich einzubilden, sein neues Wuchergesetz werde ohne weiteres nicht nur den einfachen Kapitalzins, sondern auch den komplizierten Mietzins für Wohnungen regeln und allmählich abschaffen. Warum dann dem Hausbesitzer noch das „einfach nutzlose“ Haus für teures Geld abgekauft werden soll, und wieso unter diesen Umständen der Hausbesitzer nicht noch Geld dazu gibt, dies „einfach nutzlose“ Haus loszuwerden, damit er keine Reparaturkosten mehr daranzuwenden hat, darüber läßt man uns im dunkeln.

Nach dieser triumphierenden Leistung auf dem Gebiet des höheren Sozialismus (Suprasozialismus nannte das der Meister Proudhon) hält sich unser Proudhonist für berechtigt, noch etwas höher zu fliegen.

„Es handelt sich jetzt nur mehr darum, noch einige Folgerungen zu ziehn, um von allen Seiten her volles Licht auf unsern so bedeutenden Gegenstand fallen zu lassen.“

Und was sind diese Folgerungen? Dinge, die aus dem Vorhergehenden ebensowenig folgen wie die Wertlosigkeit der Wohnhäuser aus der Abschaffung des Zinsfußes und die, der pompösen und weihevollen Redensarten unsres Verfassers entkleidet, weiter nichts bedeuten als daß zur besseren Abwicklung des Mietwohnungs-Ablösungsgeschäfts wünschenswert ist: 1. eine genaue Statistik über den Gegenstand, 2. eine gute Gesundheitspolizei und 3. Genossenschaften von Bauarbeitern, die den Neubau von Häusern übernehmen können – alles Dinge, die gewiß sehr schön und gut sind, die aber trotz aller marktschreierischen Phrasenumhüllung durchaus kein „volles Licht“ in das Dunkel der Proudhonschen Gedankenverwirrung bringen.

Wer so großes vollbracht, hat nun auch das Recht, an die deutschen Arbeiter eine ernste Mahnung zu richten:

„Solche und ähnliche Fragen, dünkt uns, sind der Aufmerksamkeit der sozialen Demokratie wohl wert … Möge sie sich, wie hier über die Wohnungsfrage, so auch über die andern gleich wichtigen Fragen, wie Kredit, Staatsschulden, Privatsschulden, Steuer usw. klarzuwerden suchen“ usw.

Hier stellt uns unser Proudhonist also eine ganze Reihe von Artikeln über ähnliche Fragen“ in Aussicht, und wenn er sie alle so ausführlich behandelt wie den gegenwärtigen „so bedeutenden Gegenstand“, so hat der „Volksstaat“ Manuskripte genug für ein Jahr. Wir können dem indes vorgreifen – es läuft alles auf das schon Gesagte hinaus: Der Kapitalzins wird abgeschafft, damit fällt der für Staatsschulden und Privatschulden zu zahlende Zins fort, der Kredit wird kostenfrei usw. Dasselbe Zauberwort wird auf jeden beliebigen Gegenstand angewandt, und bei jedem einzelnen Fall kommt das erstaunliche Resultat mit unerbittlicher Logik heraus: daß, wenn der Kapitalzins abgeschafft ist, man für aufgenommenes Geld keine Zinsen mehr zu zahlen hat.

Übrigens sind es schöne Fragen, mit denen unser Proudhonist uns bedroht: Kredit! Welchen Kredit braucht der Arbeiter, als den von Woche zu Woche oder den Kredit des Pfandhauses? Ob ihm dieser kostenfrei oder für Zinsen, selbst Pfandhauswucherzinsen, geleistet wird, wieviel macht ihm das Unterschied? Und wenn er, allgemein genommen, einen Vorteil davon hätte, also die Produktionskosten der Arbeitskraft wohlfeiler würden, müßte nicht der Preis der Arbeitskraft fallen? – Aber für den Bourgeois und speziell den Kleinbürger – für die ist der Kredit eine wichtige Frage, und für den Kleinbürger speziell wäre es eine schöne Sache, den Kredit jederzeit, und noch dazu ohne Zinszahlung, erhalten zu können. – „Staatsschulden“! Die Arbeiterklasse weiß, daß sie sie nicht gemacht hat, und wenn sie zur Macht kommt, wird sie die Abzahlung denen überlassen, die sie aufgenommen haben. – „Privatschulden“! – siehe Kredit. – „Steuern“! Dinge, die die Bourgeoisie sehr, die Arbeiter aber nur sehr wenig interessieren: Was der Arbeiter an Steuern zahlt, geht auf die Dauer in die Produktionskosten der Arbeitskraft mit ein, muß also vom Kapitalisten rnitvergütet werden. Alle diese Punkte, die uns hier als hochwichtige Fragen für die Arbeiterklasse vorgehalten werden, haben in Wirklichkeit wesentliches Interesse nur für den Bourgeois und noch mehr für den Kleinbürger, und wir behaupten, trotz Proudhon, daß die Arbeiterklasse keinen Beruf hat, die Interessen dieser Klassen wahrzunehmen.

Von der großen, die Arbeiter wirklich angehenden Frage, von dem Verhältnis zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter, von der Frage: wie es kommt, daß der Kapitalist sich aus der Arbeit seiner Arbeiter bereichern kann, davon sagt unser Proudhonist kein Wort. Sein Herr und Meister hat sich allerdings damit beschäftigt, aber durchaus keine Klarheit hineingebracht und ist auch in seinen letzten Schriften im wesentlichen nicht weiter als in der von Marx schon 1847 so schlagend in ihr ganzes Nichts aufgelösten „Philosophie de la Misère“ (Philosophie des Elends).

Es ist schlimm genug, daß die romanisch redenden Arbeiter seit fünfundzwanzig Jahren fast gar keine andre sozialistische Geistesnahrung gehabt haben als die Schriften dieses „Sozialisten des zweiten Kaisertums“; es wäre ein doppeltes Unglück, wenn die proudhonistische Theorie jetzt auch noch Deutschland überfluten sollte. Dafür ist jedoch gesorgt. Der theoretische Standpunkt der deutschen Arbeiter ist dem proudhonistischen um fünfzig Jahre voraus, und es wird genügen, an dieser einen Wohnungsfrage ein Exempel zu statuieren, um fernerer Mühe in dieser Beziehung überhoben zu sein.

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