Unser Viertel: TAMARA gegen Gentrifizierung

Die Gentrification-Debatte leidet unter dem TINA-Syndrom. TINA (There Is No Alternative) hören wir von allen Seiten: Die Aufwertung von Stadtvierteln und die Verdrängung der ärmeren Bewohner/innen sei ein ‚ganz normaler Wandel’. Es habe keine Alternativen zur Aufwertung gegeben und so wie es war, konnte es doch nicht bleiben. Natürlich steigen die Mieten, wenn die Bausubstanz verbessert wird – irgendwer muss es ja schließlich bezahlen…

Stadtteilgruppen und Mieterorganisationen kennen die Polyphonie der Notlagen- und Normalzustandserklärungen. Doch städtische Entwicklungen folgen weder unumstößlichen Naturgesetzen noch sind sie alternativlos. Die meisten Aufwertungsmaßnahmen in den Städten können als wohnungswirtschaftliche Inwertsetzungsstrategien oder politisch initiierte Aufwertungsprogramme beschrieben werden, in denen sich die Interessen von Hauseigentümer/innen und Investor/innen, von der Bauwirtschaft, den Banken und Stadtregierungen zu einer Immobilien-Verwertungs-Koalition zur Steigerung der Tauschwerte verdichten. Dem gegenüber stehen regelmäßig die Interessen derer, die im Gebiet wohnen und arbeiten und vor allem an den Gebrauchswertqualitäten des Viertels interessiert sind.

Schon in den 1980er Jahren wurde daher von Aktivist/innen und kritischen Forscher/innen richtigerweise festgestellt:

Langfristig gibt es nur eine Verteidigung gegen Gentrification: die ‘Dekommodifizierung’ von Wohnraum. Anständiger Wohnraum und anständige Nachbarschaften sollten ein Recht sein, kein Privileg.“

Das Zauberwort der Dekommodifizierung beschreibt dabei das Herauslösen der Wohnungsversorgung aus dem Warencharakter. Wohnen ist ein Grundbedürfnis und sollte keine Ware sein! Die Abschaffung des Kapitalismus wäre die wohl grundlegendste Wohnungsreform – doch wollen und können Mieter/innen in Aufwertungsvierteln, von Verdrängung bedrohte Gewerbetreibende oder Obdachlose nicht so lange warten. Deshalb erscheint es sinnvoll, auch im Hier und Heute nach Alternativen zu suchen.

Den Dekommodifizierungs-Gedanken aufgreifend, erscheinen alle wohnungspolitischen Instrumente sinnvoll, die bei der Produktion, Verteilung und Bewirtschaftung von Wohnungen andere Prinzipien als die Marktlogik durchsetzen. Von bau-, miet- und sanierungsrechtlichen Auflagen über gezielte Förderprogramme bis zur Unterstützung nichtgewinnorientierter Eigentumsformen und selbstorganisierte Aneignungen ist eine Vielzahl von Alternativen denkbar. TAMARA (There Are Many And Realistic Alternatives): Letztendlich geht es ‚nur’ noch darum, diese auch durchzusetzen.

von Andrej Holm

Erschienen in der Giesinger Stadtteilzeitung „Unser Viertel“ #5

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