Unser Viertel: Konstantin Wecker zur Schwabinger 7

Konstantin Wecker

Konstantin Wecker

Konstantin Wecker ist Liedermacher, engagiert sich in der Friedensbewegung und neuerdings auch gegen den Abriß der »Schwabinger 7«, die er seit den 1970er Jahren kennt.

Was macht die »Schwabinger 7« so legendär?

Die Legende begann in den 70ern. Da gab es quasi jeden Abend Revolution in der »7« und am nächsten Tag dann einen grauenhaften Kater. Und es waren schon damals nicht die Linientreuen und Revolutionsfunktionäre, die hier zusammen kamen, sondern Nicht-Angepaßte, Anarchos, Querdenker und Lebenskünstler. Dann ist die »7« eigentlich seit jeher ein Stehlokal. Es gibt eine Riesenbar, die wenigsten sitzen und alles ist immer in Bewegung. Und dabei herrscht auch heute noch nicht dieses Kastendenken, wo sich jede Generation, jede Szene und jede Musikrichtung ghettoartig zusammenklumpt.

Was verbindet die Liebhaber der »Schwabinger 7«?

Die zentrale Gemeinsamkeit ist eigentlich nur, daß die Leute dort eben sehr individuell sind und zu bleiben gedenken. Anders, als man es in dieser Stadt leider haufenweise erlebt, laufen also keine Guttenberg-Kopien in der Kneipe herum, aber selbst wenn, würde man die auch leben lassen – als eine besonders ulkige Sorte Freak sozusagen. Es gibt ja auch Kneipen in München, da sind ausschließlich Guttenberg-Klone am Start.

Übrigens ist um die 7 herum alles ziemlich häßlich, sowohl die Kneipe als auch das Kebab-Haus daneben. Und ich finde, das ist etwas, was München ganz dringend braucht. Etwas Unaufgeräumtes, ein Durcheinander, Graffitis und das bißerl Dreck, das daher kommt, daß Leute wo leben und nicht bloß schlafen.

In Schwabing scheinen immer weniger Menschen tatsächlich zu leben.

Genau darum regt mich der geplante Abriß des Gebäudes, das die »7« beherbergt, so auf. Der Erwin Pelzig hat das sehr richtig gesagt: Wenn die da so teure Wohnungen bauen, siedelt sich ja dadurch auch allerhand Gesindel an. Wohlstandsgesindel würde ich das nennen. Leute, die ihre Zweit-, Dritt- oder 57. Wohnung nur noch sehr gelegentlich betreten und als reines Investment betrachten. Das zieht alles Leben aus der Stadt. Ich habe nichts dagegen, wenn etwas repariert oder umgebaut wird. Aber so wird alles totsaniert.

Ich habe das im Heimatstadtteil meiner Kindheit erlebt. Das Lehel wurde totsaniert. Die da heute angeblich wohnen, sind halt nicht oft da, was aber wieder ganz gut ist, wenn man sie sieht, wenn sie da sind. Aber was für ein lebendiger Stadtteil das in meiner Kindheit gewesen ist, mit den ganzen kleinen Läden, dieser Herzlichkeit und Grobheit unter den Leuten, das Ratschen, Singen, Pfeifen, Streiten, Lachen auf der Straße … das kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen. Da wurde eine ganze Lebenswelt in Grund und Boden investiert, und heute ist das Lehel eine Filmkulisse ohne Leben.

Die Zeiten ändern sich, sagen die Befürworter des Wandels.

Mir ist auch aufgefallen, daß wir ein neues Jahrtausend haben. Es geht auch nicht gegen Wandel. Aber das ist doch keine organische Geschichte, die da läuft. Hier werden ganze Städte dem Diktat der Finanzen unterworfen, und Kultur findet nur noch statt, wenn sie gnädigerweise gesponsert wird. München verliert dadurch sein Flair.

Und Leute, die man gerne in der Stadt hätte, können sich München nicht mehr leisten. Welcher junge bildende Künstler kann sich heute noch ein Atelier in München leisten? Die Atelierkultur ist tot – weil Ateliers unbezahlbar sind!

Was sollte man tun?

Wir und auch die Großkopferten lernen seit »Stuttgart 21«, daß diese ganzen Weltumbaumaßnahmen nicht mehr einfach so durchgehen. Was da an Milliarden im Bermuda-Dreieck von Politik, Finanzspekulation und Bauindustrie versickert, fällt den Menschen langsam auf. In München haben wir zum Beispiel dieses idiotische Transrapid-Projekt verhindern können. Aber wir müssen den Widerstand nach unten verbreitern, auf der lokalen Ebene. Wir brauchen Frühwarnsysteme in den Bezirksausschüssen, damit wir rechtzeitig mitkriegen, was an Sauereien geplant wird. Der Rest geht dann über die neuen Medien.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s